Ewigkeit Vermessen

11. August 2018:

Tippen. Schreiben. Jetzt gerade. Etwas oberhalb dieser Zeilen, die gerade entstehen, stehen andere. Zeilen aus einer anderen Zeit. Es sind die Relikte angefangener Artikel, die ich nie zu Ende schrieb.

Vielleicht wird auch diesen Text das gleiche Schicksal ereilen.

»All these moments will be lost in time, like tears in rain.«

Wer den Film Blade Runner kennt, weiß, was dieses Zitat bedeutet. Es sind die letzten Worte eines Menschen, der eigentlich keiner ist. Ein Replikant, eine menschengeschaffene menschengleiche Kopie, dazu bestimmt, auf fremden Planeten neuen Lebensraum zu erschließen.

Ich habe lange über diese Szene nachgedacht. Sie wirft den Menschen vor, nicht mehr menschlich zu sein. Die Maschine ist in ihrem Handeln menschlicher als der Mensch. Der Film appelliert an die Menschen, sich daran zu erinnern, wer sie sind und warum sie sind.

In den letzten Monaten habe ich mich oft gefragt, wer ich bin. Nicht aus einem egozentrischen Bestreben heraus, mich selbst bestätigen zu wollen, sondern weil ich mich gefragt habe, wo ich wirken kann, in diesem Land.

Die anfängliche Naivität und Freude war weg.

Die Kälte war da.

Innere Kälte.

Abstand.

Mit Idealen bin ich losgezogen. Ich hatte den Traum, mit meinem Handeln die Welt ein wenig besser zu machen.

Jede Woche bin ich in die Dörfer Vardisubani, Heretiskari und Eniseli gefahren.

Jede Woche war es sinnlos.

Jedenfalls fühlte es sich so an, mitten im georgischen Winter.

Ich war alleine. Niemand begleitete mich. Niemand hatte mich jemals in die Dörfer begleitet. Manchmal waren die Zentren abgeschlossen, ich kam nicht hinein. Wer kam, waren die Jugendlichen. Jugendliche, die kein Wort Englisch verstanden.

Ich baute auf. Suchte den Kontakt. Richtete feste Zeiten ein. Die Jugendlichen kamen.

Es kamen viele. In Vardisubani waren es erst fünfzehn. Dann zwanzig. Nach dem dritten Treffen dreißig. Wir hatten Spaß. Hatten.

Zuhören. Ich wollte den Jugendlichen etwas bieten. Wie? Vor verschlossenen Türen. Mit keinerlei Material und dieser Sprachbarriere.

Sprachbarriere. Was für ein Euphemismus dieses Wort doch ist.

Niemand wusste, was ich machen sollte. Niemand war da, mit dem ich darüber reden konnte. Tamuna, meine Gastmutter, spricht kaum Englisch und mein Georgisch war schlecht. Sie war eigentlich auch nicht wirklich verantwortlich für mich, die Arbeit betreffend.

Niemand wusste, wer für was verantwortlich war. Zwischen den Koordinatorinnen der Gemeindezentren, Tamuna und der Person, die seitens der georgischen Partnerorganisation entschied, mich als Freiwilligen aufzunehmen, sah sich keiner verantwortlich.

Die einzige Begleitung, die ich seitens meiner Partnerorganisation hatte, war das famose Versprechen, ich könne jederzeit Anrufen, falls es ein Problem gäbe. Den einzigen Gedanken, den die Person, die entschied, mich als Freiwilligen aufzunehmen, sich über meine Arbeit gemacht hatte — mir sagte — war, dass ich den Leuten auf dem Dorf doch mal eine andere Perspektive zeigen solle. Viele hätten noch nie einen Europäer gesehen. Ende.

Wie im Zoo. Fünfzehn Jugendliche stehen vor mir. Was soll ich machen. Sie verstehen mich nicht. Wissen nicht was sie wollen.

Zaubern kann ich nicht. Durch Hände auflegen wird auch niemand Englisch lernen.

Die mangelnde Förderung von Individualität, Eigeninitiative und Mündigkeit ist das größte Problem dieser patriarchalen Gesellschaft.

Was habe ich hier verloren? Ich kann nichts verändern. Ich bin ein kleiner Freiwilliger, frisch von der Schule, konfrontiert mit…ja mit was?

Am Anfang hat mir die Armut nichts ausgemacht. Jede Woche, wenn ich an den Baracken in Heretiskari vorbeiging, war ich eher Dankbar. Dankbar, hier wirken zu dürfen.

Baracken, manche Häuser bewohnt andere unbewohnt — beide arm, vieles kaputt.

Ich baute auf. Suchte den Kontakt. Richtete feste Zeiten ein. Die Jugendlichen kamen. Ich hatte es geschafft, Kontakt zu den Jugendlichen zu finden. Eine Kommunikationsbasis.

Er funktionierte.

Manchmal.

Manchmal war es schön. Augenblicke für die Ewigkeit. Es gab sie.

Die Probleme, die ich glaubte, umschifft zu haben, holten mich ein. Alles Rauch und Schall — Schall und Rauch.

Ich war immer noch alleine. Das Gerüst, das ich glaubte gebaut zu haben, stand von Anfang an auf Streichhölzern.

Jetzt war es anders, die schlammige Straße von Heretiskari entlangzugehen, vorbei an den Baracken, hin zum Gemeindezentrum. Resignation und Ohnmacht. Was kann ich hier tun? Ich, der in meiner Tasche mehr Bargeld habe als alle Bewohner des Dorfes zusammen.

Wenn ich doch mit dem Geld zaubern könnte.

Es war als hätte es die ewigen Momente, die wunderbaren Momente, nie gegeben. Die dunklen Stunden im Winter zogen sich dahin. Ewige Langeweile, die im Nachhinein kürzer als die Augenblicke sind, weil sie leer waren. Leer wie ich manchmal selbst.

Zeit. Die gemessene Zeit ist eine Sache, die gefühlte eine andere. In Georgien haben die Leute viel Zeit. Zu viel, weil es keine Zeiteinteilung gibt. Es gibt kein Frühstück, Mittag- und Abendessen. Man isst, wenn man hungrig ist. Man schläft nicht Nachts, man schläft, wenn man müde ist. Die Nacht ist keine Einheit mehr, die Tag von Tag trennt und es möglich macht, die Zeit wahrzunehmen.

Haltlos verloren in der Zeit.

Die Zeit hat in ihrem Überfluss keinen Wert. In Westeuropa ist es nicht anders. Nur andersrum. Die Überstrapazierung der Zeit führt zur selben Konsequenz.

Monotonie. Im Winter zieht man sich ins Haus zurück. Draußen ist es eigentlich gar nicht so kalt, in den Häusern dann doch, denn sie sind meist schlecht isoliert.

Jede Familie zieht sich in das eigene zurück. Schotten dicht.

Nur ein Raum wird beheizt. Den ganzen Tag verbringt die ganze Familie gemeinsam. Vor dem Fernseher.

Nur für die Arbeit verlässt man das Haus. Sofern man Arbeit hat — die Arbeitslosenquote ist hoch.

Ansonsten gibt es nichts.

Wenn die Jugendlichen Freunde treffen wollen, dann machen sie das auf der Straße. Wo sonst? Wo es im Winter doch nur warme Wohnzimmer mit der eigenen Familie drin gibt.

Restaurants kommen nicht infrage — zu teuer.

Kneipe? Zuhause wird genug getrunken, wozu eine Kneipe?

Cafés? Zu teuer, zu kalt.

Ich lebte mit der Zuversicht, dass es bald Sommer werden würde und damit alles besser.

Nach Eniseli fuhr ich mit der Marschrutka zwei Stunden lang. Manchmal war niemand da. Die Tür verschlossen. Mal funktionierte die kleine Elektroheizung nicht. Klamme Finger.

Der Raum dort bietet Platz für einen Stuhlkreis von zehn Plätzen — wenn denn ganze Stühle da sind, nicht nur rostige Metalstangen.

Jugendliche kamen.

Eigentlich Kinder.

Fünfzehn sechs, bis elfjährige.

Wer schon Mal fünfzehn Kinder zu beaufsichtigen hatte, weiß, dass das — auch bei einer gemeinsamen Sprache — nicht einfach ist.

Hoffnungsorte. Ich habe gelernt, Musik wirklich wertzuschätzen. Musik wurde zur Flucht. Musik half bei fehlender Motivation.

Musik, technisch das gleiche, wie die Stimmen von Freunden und Familie aus dem Telefon. Ohne den Rückhalt aus Deutschland hätte ich diesen Winter nicht überstanden. Komischerweise, habe ich mir nie die Frage gestellt, ob ich den Freiwilligendienst abbrechen sollte. Ich hätte mich als gescheitert gesehen. Nicht nur in Georgien.

Wie geht man damit um, mit diesem hilflosen Alleine-sein?

Nur das Gleichgültige ist frei.

Jetzt, einen Tag vor der Ausreise, ist das, was ich im Winter erlebt habe, in weite Ferne gerückt. Mit dem Frühling kam neue Energie. Ich konnte wieder richtig um mich schauen. Sehen. Jetzt schreiben.

Glücklich sein.

Wenn es ein Wort gibt, mit dem ich dieses Jahr beschreiben müsste, dann wäre das Dankbarkeit.

Mein gefühlt erster und letzter Facebook-Post aus Georgien (7. August 2018):

»Während des letzten Jahres habe ich versucht, Facebook so weit wie möglich zu vermeiden. Aber jetzt, am Ende dieses Jahres denke ich, ist es Zeit, doch etwas Kleines zu schreiben. Ignorieren wir diesmal die sogenannten Datenschutzrichtlinien von Facebook.

Morgen werde ich Lagodekhi verlassen. Das ist viel zu wenig Zeit, um richtig Danke sagen zu können.

Lebt wohl.

Die Zeit fliegt dahin.

Wenn ich jetzt an die ersten Tage in Georgien denke, kann ich mich nur noch an einen Bruchteil meiner Gefühle von damals erinnern. Aber schon dieser kleine Teil ist es wert. Ich erinnere mich, wie wir Freiwilligen gemeinsam vom Flughafen nach Tskneti gefahren sind, wie ich durch die Scheiben des Autos das Land sehen konnte, für das ich Fremder war.

Ich erinnere mich an die späten Abende, an denen ich Tbilisi von oben sah und hineinspringen wollte, in diesen Ozean aus Lichtern.

Ich erinnere mich daran, wie ich das erste Mal den großen Kaukasus sehen durfte, ein neuer Horizont über dem Alazani-Tal, friedlich wie ein schlafender Drache.

Ich erinnere mich an den ersten Abend in Lagodekhi, den ich mit zwei Fremden verbrachte, und die jetzt meine Freunde sind.

Ich erinnere mich an die Begegnungen, die folgten.

Danke.

Die Familie, bei der ich die Chance hatte, leben zu dürfen, akzeptierte mich als dritten Sohn, als Bruder, als Enkel.

Im Winter, als ich Heimweh hatte, habt Ihr mir geholfen.

Danke.

All die Mahlzeiten mit und von Bebo, meiner vierten Oma, waren die tiefgründigsten Lektionen und Diskussionen, die ich auf georgisch geführt habe. Danke Bebo.

Tamuna, Du bist nicht nur die Mutter Deiner Kinder, sondern auch die der Gemeindezentren, die Du in Kakhetien aufgebaut hast. Deine immerzu positive Energie bricht Mauern auf. Danke, dass Du sie mit mir geteilt hast.

Giorgi, Du hast mir beigebracht, wie man ein richtiger Tamada ist — insbesondere ein demokratischer. Ich werde die langen Abende an den Supras noch lange in Erinnerung behalten. Genauso unsere Projekte.

Tazo, mit Dir Filme zu gucken und Abends raus zu gehen, hielt mich am Laufen. Viel Erfolg in Tbilisi.

Danke.

Deme, wir haben nicht ganz so viel miteinander geredet, trotzdem glaube ich, dass Du noch Präsident Georgiens werden wirst.

Einmal berichtete mir Bebo, dass die Nachbarn gesagt hätten, ich hätte schon georgische Farbe bekommen und sähe anders als die vielen Touristen aus. Was nun diese georgische Farbe genau ist, weiß ich nicht.

Was ich weiß, ist, dass alle, die mich mit ihr bemalt haben, in meinem Herzen bleiben werden.

Didi Madloba quelaperistwis.

იოანე

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